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Fast alle machen es. DuMont Schauberg (Berliner Zeitung, Frankfurter Rundschau, Kölner Stadtanzeiger) will 2012 sein Digitalgeschäft weiter ausbauen. Die “Westdeutsche Allgemeine Zeitung” plant nach der jüngsten Neustrukturierung der Eigentümerverhältnisse, erhebliche Investitionen in die digitalen Medien. Jüngst verkündete Jan-Eric Peters, “Welt”-Chefredakteur im Berliner “Tagesspiegel”, künftig werde das Digitale den Takt in der Redaktion vorgeben.

Während viele Verlage in der digitalen Gegenwart angekommen sind, ist an der deutsch-polnischen Grenze das Internet für die „Märkische Oderzeitung“ ein Stachel im Fleisch. Der piekt zwar, aber man ignoriert das Stechen. Lieber gibt man sich als Bewahrer des Vermächtnisses des Buchdruckers Gutenberg. Für den Nachfolger der früheren SED-Bezirkszeitung “Neuer Tag” ist die digitale Welt noch immer ein großes Mysterium. Mit der Übernahme des Märkischen Zeitungsverlages („Oranienburger Generalanzeiger“) Ende 2010 hat sich das Blatt  etwas Zeit gekauft. Die Auflage liegt wieder knapp über 100.000 Exemplare.

Online-Redaktion in Oranienburg geschlossen

Man muss kein Prophet sein, dass es ohne ein Konzept für die digitale Gegenwart und Zukunft schwer wird für die MOZ. Zwar beteuerte MOZ-Geschäftsführer Bodo Almert vor Redakteuren in Oranienburg im Dezember, das Internet habe im Verlag eine “sehr große Bedeutung”. Als Beweis für seine These führte er das Branchenbuch an. Hier sollen Gewerbetreibende für einen Eintrag bezahlen. Dafür gibt es einen PR-Text mit Foto. Die Realität spricht aber eine andere Sprache. Die Online-Redaktion beim „Oranienburger Generalanzeiger“ wurde geschlossen und wird nun aus Frankfurt/Oder verwaltet. Mit dem Ergebnis, dass der Facebook-Kanal  des Nachrichtenportals „Die Mark Online“ nur noch im Wochenrhythmus aktualisiert wird. Zwischen dem 8. Februar und dem 11. März herrschte Totenstille bei Facebook.

Welchen Stellenwert das Internet tatsächlich für die MOZ besitzt, verrät auch ein Blick auf die Entwicklung der Seitenaufrufe des Nachrichtenportals “Die Mark Online” des Märkischen Zeitungsverlages. Mit der Anpassung des Webportals an das Layout und die Technik der MOZ brachen die Zugriffszahlen um 50 Prozent ein. Konsequenzen? Keine. Am Verlagssitz in Frankfurt/Oder und bei seinen Besuchen übt sich Chefredakteur Frank Mangelsdorf tapfer in Durchhalteparolen. Die Auflage sinke von den ostdeutschen Regionalzeitungen am wenigsten, so sein Mantra. Mangelsdorf kann als Zeitungsmann der digitalen Welt nur wenig abgewinnen. Vorschläge aus der Redaktion, wie die Inhalte des Verlages im Internet vermarktet und Einnahmen erzielt werden könnten, verhallten ungehört.

Die Konsequenten lassen sich an den Internetseiten von MOZ und Die Mark Online betrachten. Das tagesaktuelle Geschäft wird mit Beiträgen aus den Lokalausgaben betritten, die ins Internet kopiert werden. Das aktuelle Nachrichtengeschäft decken Agenturmeldungen ab, die unredigiert in Netz gestellt werden. Das bekommt der Leser bei anderen Nachrichtenportalen besser. Spiegel-Online Chefredakteur Rüdiger Ditz erklärte 2011 im Mittwochsclub der Taz, wie die erfolgreichste deutschsprachige Nachrichtenseite angefangen hat. Die Spiegel-Redakteure hätten ebenfalls lediglich Agenturmaterial zur Verfügung gehabt, das aber für das Medium umgeschrieben und mit Informationen aus anderen Agenturmeldungen versehen oder selbst kurz zum Hörer gegriffen.

Keine digitale Vermarktung der Inhalte

Digitale Vertriebskanäle spielen bei der MOZ keine Rolle. Ein ePaper-Angebot? Sucht man vergeblich. Verlagschef Bodo Almert ist sich sogar sicher, dass eine App für Smartphones oder Tablet-PCs in der Region zu nichts führe. Das lohne sich vielleicht für die “Süddeutsche Zeitung”, die ebenfalls zur Südwestdeutschen Medienholding (SWMH) gehört, aber nicht für MOZ und Oranienburger Generalanzeiger. Diese Meinung besitzt der Verlagschef ziemlich exklusiv.  Die Studie „Was Leser wollen“ des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) zeigt, dass journalistische App-Angebote auf großes Interesse stoßen und Leser auch bereit sind, dafür zu bezahlen. Danach sind deutsche App-Nutzer bereit, für eine täglich aktualisierte Nachrichten-App „mit Zeitungscharakter“ bis zu 9,60 Euro im Monat auszugeben. Mehr als 80 Prozent der Nutzer von Tablet-PCs an einem Kombiangebot von gedruckter Ausgabe und App der Zeitung interessiert sind. Zeitungs-Apps gehörten laut der Studie für iPad-Nutzer zu den Favoriten: 52 Prozent  nutzen derartige Anwendungen täglich oder fast täglich.

Beim Drehscheibe Forum Lokaljournalismus 2012 hielt der Herausgeber und Geschäftsführer der Zeitung „Verdens Gang“ ein leidenschaftliches Plädoyer für die digitale Gegenwart.  Bei „Verdens Gang“ führte der Rückgang der Auflagenzahl zum Umdenken, so Torry Pedersen. Im vergangenen Jahr verdiente sein Verlag erstmals mehr Geld damit als mit dem herkömmlichen Zeitungsgeschäft. Das Konzept von Pedersen ist klar und simpel: Die Leser rund um die Uhr auf allen Kanälen mit den Nachrichten zu versorgen, die sie suchen. „Das Handy wird die Nachrichtenquelle Nr. 1 sein“, davon ist Pedersen überzeugt.

Während andere Verlagshäuser die Chancen im Digitalgeschäft erkannt haben und beginnen zu nutzen, will die Märkische Oderzeitung mit Fahrradtouren für Leser und Rezeptbücher den Aboschwund aufhalten. Es bleibt abzuwarten, wie lange das gut geht.

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